Strom für den Osten

Strom für den Osten

Krankes Haus ©Tine Mothes

Sieben Uhr morgens ist Wecken. Schwester Noema bringt die Medikamente und das Operationshemd. Ich soll sämtlichen Schmuck ablegen. Dabei trage ich doch gar keinen, würde ich nie. Schwester Noema sagt meinen Namen am Ende jedes Satzes.

Vor der Wohnung trifft mich der Schlag. Ich weiß es nicht. Der schwere Schlüsselbund, welcher ist es? Schweiß bricht mir aus. Aber der Anhänger, kleiner Bieröffner am schwarzen Band, ich kenne den. Und die Aufschrift, ich lese sie blind: “Strom für den Osten”. Aber die ganzen Schlüssel. Ich versuche einen, noch einen, es ist immer der falsche.

Grüne Hose, gelbe Kapuze. Ich trage die selben Sachen seit Wochen. Im alten Leben trug ich keine Farben, hätte ich nie. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Die Kapuze ist wichtig. Ich entkleide mich bis auf die Unterhose und schlüpfe in das Operationshemd. Schwester Noema bindet den Knoten am Rücken. Sie löst die Bremsen, bugsiert mich zur Tür. Eigentlich mag ich das Zimmer nicht verlassen.

Vielleicht ist das alles nur eine dumme Laune. Ich habe mit dem Finger geschnippt, und alle sind losgestürzt. Aber längst läuft die Maschine wie geölt. Letztlich für nichts. Im Bett liegend über die Flure fahren ist seltsam. Es ist mir peinlich, dass jemand seine Körperkraft einsetzt, nur um mich durch die Gegend zu schieben. Schwester Noema ist zierlich. Ich bin auch zierlich, aber zementschwer. Vor den Aufzügen übernimmt ein Pfleger. Schwester Noema wünscht mir Glück.

Vielleicht geht ja etwas schief. Das wäre gut. Der Pfleger stellt unentwegt Fragen. Ich kann das Gesicht nicht sehen. Ziehe die Decke ans Kinn und schließe die Augen. Er wuchtet mich in den Aufzug. “Eine EKT, was ist denn das? Hab ich noch nie gehört.” Es geht nach unten.

Als ich zum Kindergarten laufe, ist es schon Frühling. Das ist ein Wort. Worte sind wichtig. Sie geben den Menschen ein ordentliches Zuhause, dort ist es warm. Im alten Leben hatte ich auch Worte. Ich begreife das nicht. Ich denke, dass es schön wäre, an nichts zu denken.

Der Pfleger hat aufgehört zu reden. Er karrt mich durch fensterlose Gänge. Meine Räder walzen laut den Flur, im kalten Takt der Leuchten. Eine Fahrbahnmarkierung. Ein kleiner Raum, in der Mitte steht eine Pritsche. Dicht daneben ist stopp. Ich soll rüberklettern. Kühles Metall, von einem Papiertuch bedeckt, alles hygienisch, eine richtige Schlachtbank. Die meisten Patienten haben Beine, aber sie dürfen hier nicht einfach herumlaufen, sie machen sonst alles schmutzig.

Sieben Uhr dreißig ist Frühstück, außer an den OP-Tagen, da ist kein Frühstück. Da ist sogar Rauchen verboten, aber Rauchen ist wichtig. Es gibt dem Tag die Ordnung, den Füßen das Ziel. Ich rauche so oft wie möglich, vier Stockwerke abwärts, vier wieder rauf. Treppensteigen ist wichtig. Gerade aufwärts, das macht die Beine schwer, dann geht das Liegen leichter. Oder bis hoch zur Krebsstation, dort ist es hübsch. Blauer Teppich und Tische mit Blumen. Krebs zu haben ist gut, Krebs oder HIV. Sie dürfen zum Rauchen aufs Dach. Wenn sie da runter springen, könnte es gehen. Zum Frühstück esse ich ausschließlich Süßes. Im alten Leben aß ich kein Süßes, hätte ich nie. Pfirsichmarmelade geht gut, oder Pflaumenmus. Wenn ich zwei Scheiben Graubrot schaffe, ist das Frühstück erledigt. Frau Schneider bunkert die Päckchen auf dem Nachttisch, seit Monaten, Marmelade für schlechte Zeiten.

Der Pfleger entschuldigt sich. Im OP gibt es eine Verzögerung. Mir macht das nichts aus. Nur dass er so höflich ist, strengt mich an. Ich versuche einen Scherz und wundere mich, als er lacht.

Der dritte Schlüssel passt auch nicht ins Schloss. Weiß nicht mehr, welche ich schon probiert habe. Fällt mir nicht mehr ein. Im alten Leben wäre ich jetzt wütend.

Der OP ist klein, behaglich. Eigentlich ist das kein Saal, nur ein Zimmer. Eine Experimentierkammer. Sie sind schon da, fünf oder sechs. Herr Dr. Keppel entschuldigt sich. So etwas haben sie hier noch nie gemacht, alle wollen dabei sein. Ich lächle höflich. Er runzelt die Stirn, ich soll das Hemd ausziehen. Herr Dr. Keppel ist aufgeregt, wie ein Abiturient bei der mündlichen Prüfung. Mit einem Tuch bedeckt er Schritt und Brüste. Es ist weiß. Frau Dr. Birke kontrolliert den Puls: “Sie sind ja völlig entspannt.” Sonst rast das Herz, aber jetzt schlägt es kaum. “Sie haben keine Angst, stimmt’s?”, Frau Dr. Birke streichelt mir über den Kopf. Sollte sie ahnen, woher der Mut kommt, dann versteckt sie es gut. Frau Dr. Birke sagt nur selten meinen Namen am Ende des Satzes.

Den Frühling mochte ich am liebsten. Er musste kalt sein, kalt und hell, dann ging es mir am besten. Die Vögel haben mich auch nicht gestört.

Herr Dr. Keppel verteilt eine Flüssigkeit auf den Schläfen, ist wie Gallert, links oder rechts, er zögert, die Elektroden halten nicht. Er kommentiert sich selbst. Als würde er laut denken. Überall Kabel, auf der Brust, den Füßen. Noch mal entwirren, das ist so nicht richtig, gleich geschafft. Herr Dr. Keppel sagt meinen Namen am Ende jedes Satzes. Es ist mir peinlich, all die Mühe, nur wegen mir. Vielleicht gefällt ihm das.

Etwas Weiches gegen Mund und Nase. Er drückt fest zu, ich soll ruhig atmen. Die Narkose ist der beste Teil. Ich zähle rückwärts von zwanzig. Ich sinke. Gleich setzen Blitze den Kopf in Brand, zucken grässlich die Glieder, aber ich will jetzt schlafen… hier im trübgrünen See, die Weißkittel wetzen die Messer, ich träume am Grund. Oben werfen sie die Angeln aus. Dabei ist der Frühling schon lange vorbei. Auch der Sommer, der Herbst… die Zeit vergeht hier unten nur schwer. Das ergibt keinen Sinn. Längst ist der See hart wie Schädelknochen. Unter einer Eisdecke muss man sterben. Aber das macht nichts. Ich kann den Tod verschlafen. Im Sand ist es warm. Schrill. Sie bohren ein Loch in den See, sie wollen mich wecken, aber ich träume doch. “Können Sie mich hören?”

Ich bin noch da, ich bin noch da. “Wissen Sie, wo Sie sind?”

Natürlich. Ich bin schon lange lange hier. “Was ist heute für ein Tag?”

Aber das wusste ich vorher doch auch nicht. “Welche Jahreszeit?”

Es ist bald Frühling, das weiß ich. Sie sagen, es war der härteste Winter seit fünfzig Jahren. So alt fühle ich mich auch. Aber ich kann mich nicht konzentrieren. Weiß nicht mehr, was ich sagen wollte.

“Ihr Geburtsdatum?”

Habe ich das nicht eben schon? Selbstverständlich weiß ich, wie ich heiße. Sie sagen es mir doch jeden Tag, am Ende des Satzes. Mir fallen die Augen zu.

Stechende Schmerzen. Der Kopf, das ist mein Zimmer. Wo ist Frau Schneider? Sonst liegt sie doch auf dem Bett. Ich habe geträumt, ich träume doch nie, aber weiß nicht mehr. Die Schwester bringt eine Flasche Wasser. Ich soll trinken. Mir fällt nicht ein, wie sie heißt. Heute ist Montag und ich habe eine Tochter, blondes Haar, wir waren so allein. Ich trinke zwei Glas Wasser. Schwester Noema reicht mir eine grüne Hose, ein gelbes, wie heißt das. Ich soll das anziehen, es gibt gleich Mittag. Ich erinnere mich an vieles. Ich war auch mal ein Mensch.

Im Abendkreis sage ich nie was. Reihum soll jeder sagen, wie es ihm geht. Es geht mir überhaupt nicht.

Der Schlüssel fällt runter. Das Herz, zu schwer. Ich will mich auf den Boden legen, und große Steine auf die Brust, damit es aufhört. Selbstverständlich kenne ich meinen Namen. Mir fällt nicht ein, was das heißt. Atmen, essen und verdauen. Der Körper ist noch da, den muss ich notdürftig pflegen.

Montag, Mittwoch und Freitag ist EKT. Elektrokonvulsionstherapie ist besser als Ergotherapie. Ich kann die Ergotherapie nicht leiden. Körbe flechten. Das ist ein Gefühl, oder? Abneigung. Ich arbeite an einer Serie von Aschenbechern. Gefühle sind wichtig. Im alten Leben hatte ich auch Gefühle. Melancholie ist ein Gefühl. Wie ein Frühlingstag, kalt und hell.

Ich soll zur Visite. Dabei gibt es doch gar nichts Neues. Nur, dass ich immer mehr Dinge vergesse. Herr Dr. Keppel fragt, ob ich in letzter Zeit vielleicht ein Gefühl hatte. Hatte ich nicht. Aber dann habe ich doch eins. Mitleid. Das hier ist sein Projekt, so vergeblich sein Aufwand. Ich beobachte sie genau. So lange sie mich hier behandeln, habe ich sie erfolgreich betrogen. Sie verlängern die EKT. Sie haben mich noch nicht aufgegeben.

Das Treppenhaus, ich war schon mal hier, der rote Teppich. Irgendwas sollte ich erledigen. Aber weiß nicht mehr. Am Boden liegt ein Schlüssel, jemand hat ihn verloren. Der Anhänger ist putzig. Kleiner Bieröffner am schwarzen Band, darauf steht “Strom für den Osten”. Ich habe eine Tochter, ihr Geburtstag ist am dreiundzwanzigsten Mai. Am dreiundzwanzigsten Mai ist Frühlingsanfang. Den Frühling mag ich am liebsten.

Neunzehn Uhr ist Abendkreis. Frau Schneider kommt zu spät. Sie steht in der Tür und lächelt. Sieht komisch aus. Ich habe sie noch nie lächeln sehen. Schwester Noema sagt, sie soll im Stuhlkreis Platz nehmen, aber Frau Schneider schüttelt den Kopf. Wie ihr Tag war, will die Schwester wissen. Jetzt habe ich ihren Namen vergessen. Frau Schneider war spazieren. Sie sagt, dass allmählich das Eis schmilzt. Aber heute hat kein einziger Eiszapfen sie erschlagen. Sie lächelt. Lächeln ist ein Gefühl.